Von:
André Fischer
„Wir sind Papst!“ – selten war eine Schlagzeile der Bild-Zeitung so umstritten und anregend zugleich, wie am 20. April 2005, einen Tag nach der Wahl von Joseph Ratzinger zum Papst Benedikt XVI. Einer von uns ist Bischof von Rom geworden. Für viele ein bewegender Moment.
„Wir sind das Volk!“ skandierten im Herbst 1989 die Montagsdemonstranten in Leipzig. Später auch „Wir sind ein Volk!“ Sie brachten damit ihren Protest gegen das DDR-Regime und gegen die Unmenschlichkeit der 40 Jahre andauernden deutschen Teilung zum Ausdruck. Als die Mauer schließlich fiel, ließen sich viele in ihrer Freude von diesem Wir-Gefühl mitreißen.
„Wir werden Weltmeister!“ – Fußball und insbesondere internationale Turniere wie die WM oder EM schaffen es offenbar leicht, mit vielen Emotionen ein Wir-Gefühl hervorzurufen, selbst bei den diesbezüglich eher zurückhaltenden Deutschen.
Das kleine Wort „Wir“ kann eine große Wirkung haben. Allem Individualismus unserer Gesellschaft zum Trotz: In dem „Wir“ drückt sich eine Sehnsucht nach Zusammengehörigkeit, nach Überwindung des Einzelkämpferdaseins aus. Der Mensch ist keine Ich-AG. Ohne Gemeinschaft mit anderen Menschen kann er nicht leben.
„Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei“, ist bereits Gottes Gedanke bei der Schöpfung. Er selbst will die Gemeinschaft mit uns und zwischen uns Menschen. Die ganze Heilsgeschichte Gottes mit uns ist von diesem Willen getragen. Und Gott geht den entscheidenden Schritt auf uns zu. In Jesus Christus wird Gott selbst Mensch. Er ist der Gemeinschaftswille Gottes in Person.
Das Gebet aller Gebete beginnt nicht mit den Worten „Mein Vater im Himmel“. Jesus lehrt uns beten „Vater unser im Himmel“. In diesem Gebet steckt das ganze Wir-Gefühl der Christenheit. Wir alle, auf der ganzen Welt, gehören zum Wir des Vaterunsers.